Selbstreflexion für Führungskräfte: Wie Sie die eigene Führung wirklich überprüfen
Warum gute Führung mehr braucht als die eigene Perspektive – und wie Selbstreflexion, Feedback und Perspektivwechsel dabei helfen können, das eigene Führungsverhalten bewusster zu gestalten.
Wer führt, trifft Entscheidungen, gibt Orientierung, führt Gespräche und übernimmt Verantwortung. Und vermutlich haben die meisten Führungskräfte eine recht klare Vorstellung davon, was ihnen dabei wichtig ist.
Doch wie sicher können wir eigentlich sein, dass unser Führungsverhalten bei anderen so ankommt, wie wir es beabsichtigen?
Vielleicht sind Sie überzeugt, Ihren Mitarbeitenden ausreichend Freiraum zu geben. Ihr Team erlebt diesen Freiraum möglicherweise als fehlende Orientierung. Vielleicht möchten Sie durch regelmäßige Nachfragen Interesse und Unterstützung zeigen. Bei Ihren Mitarbeitenden kommt hingegen das Gefühl an, kontrolliert zu werden.
Solche unterschiedlichen Wahrnehmungen sind nicht ungewöhnlich. Und sie führen zu einer Frage, die mich in meiner Arbeit als systemischer Coach und Supervisor immer wieder beschäftigt:
Warum die eigene Sicht auf Führung nicht genügt
Wir alle haben ein Bild davon, wie wir sind und wie wir auf andere wirken. Dieses Selbstbild entsteht aus Erfahrungen, Überzeugungen und Rückmeldungen, die wir im Laufe unseres Lebens erhalten.
Auch Führungskräfte entwickeln Vorstellungen über ihr eigenes Führungsverhalten. Sie erleben sich beispielsweise als klar, wertschätzend, entscheidungsfreudig oder offen für Beteiligung.
Doch zwischen dem, was wir beabsichtigen, und dem, was andere erleben, kann ein erheblicher Unterschied bestehen.
Das ist nicht nur eine Beobachtung aus der Beratungspraxis. Eine Metaanalyse von Heidemeier und Moser (2009) zeigt, dass Selbst- und Fremdeinschätzungen beruflicher Leistung nur begrenzt übereinstimmen. Selbstbewertungen fallen dabei im Durchschnitt häufig günstiger aus.
Gerade in Führungspositionen kann es schwierig sein, ein realistisches Bild der eigenen Wirkung zu bekommen. Mitarbeitende äußern Kritik möglicherweise zurückhaltend. Manche Erwartungen bleiben unausgesprochen. Und nicht jede Führungskraft erhält regelmäßig eine ehrliche Rückmeldung.
Deshalb reicht es nicht aus, sich gelegentlich zu fragen, ob man mit der eigenen Führung zufrieden ist. Interessanter ist die Frage, wie andere Menschen dieselbe Führung erleben.
Selbstreflexion bedeutet, die eigenen Annahmen zu hinterfragen
Selbstreflexion wird häufig als wichtige Führungskompetenz beschrieben. Doch was bedeutet das eigentlich im Führungsalltag?
Für mich geht es dabei nicht darum, möglichst viel über sich selbst nachzudenken. Es geht vielmehr darum, das eigene Denken, Fühlen und Handeln bewusst zu betrachten und die bisherigen Erklärungen auch einmal infrage zu stellen.
Eine Führungskraft ärgert sich darüber, dass Mitarbeitende in Besprechungen kaum eigene Ideen einbringen. Ihre Erklärung lautet: Das Team ist zu passiv und übernimmt zu wenig Verantwortung.
Diese Einschätzung kann zutreffen.
Es könnte aber auch sein, dass die Führungskraft häufig selbst die ersten Lösungsvorschläge macht. Vielleicht werden andere Ideen zu schnell bewertet. Oder die Mitarbeitenden haben in der Vergangenheit erlebt, dass Entscheidungen ohnehin bereits feststehen.
- Was trage ich möglicherweise selbst zu dieser Situation bei?
- Welche Erwartungen habe ich an mein Team – und sind diese überhaupt ausgesprochen?
- Wie würden die Mitarbeitenden unsere Zusammenarbeit beschreiben?
Der entscheidende Unterschied liegt im Perspektivwechsel.
Auch wissenschaftlich ist diese Unterscheidung relevant: Grant, Franklin und Langford (2002) unterscheiden Selbstreflexion als Prozess von Einsicht als möglichem Ergebnis. Wer viel über sich nachdenkt, gewinnt dadurch nicht automatisch neue Erkenntnisse.
Manchmal drehen wir uns mit unseren Gedanken lediglich im Kreis. Reflexion wird dann besonders hilfreich, wenn sie neue Sichtweisen eröffnet.
Selbstbild und Fremdbild: Wer hat eigentlich recht?
In der systemischen Beratung interessiert mich häufig weniger, wer mit seiner Einschätzung recht hat. Spannender ist die Frage, wie unterschiedliche Sichtweisen entstehen und was sie über eine Situation verraten.
Eine Führungskraft beschreibt sich als sehr transparent. Mitarbeitende berichten dagegen, dass sie wichtige Entscheidungen nicht nachvollziehen können.
Was nun?
Beide Perspektiven können einen nachvollziehbaren Hintergrund haben. Vielleicht informiert die Führungskraft regelmäßig über Ergebnisse, während sich die Mitarbeitenden mehr Einblick in die Entscheidungsprozesse wünschen.
Es geht also nicht darum, die eine Wahrnehmung durch die andere zu ersetzen.
Vielmehr können unterschiedliche Perspektiven helfen, bisher übersehene Zusammenhänge zu erkennen.
Dabei spielt Feedback eine wichtige Rolle. Allerdings ist auch Feedback keine objektive Wahrheit. Es ist zunächst die Wahrnehmung eines anderen Menschen.
Deshalb lohnt es sich, nachzufragen, konkrete Situationen zu betrachten und gemeinsam zu verstehen, wie bestimmte Eindrücke entstanden sind.
Drei Perspektiven, um die eigene Führung zu reflektieren
Für mein interaktives Reflexionstool habe ich drei Bereiche ausgewählt, die aus meiner Sicht besonders geeignet sind, um das eigene Führungsverhalten aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.
Sie bilden keine abschließende Definition guter Führung. Vielmehr sind sie eine Einladung, sich mit typischen Fragen des Führungsalltags auseinanderzusetzen.
1. Offenheit, Vertrauen und Lernklima
Wie gehen Sie damit um, wenn Mitarbeitende anderer Meinung sind? Was passiert, wenn Fehler gemacht werden? Und wie reagieren Sie auf Kritik an Ihren Entscheidungen?
Ein vertrauensvolles Arbeitsklima entsteht nicht allein dadurch, dass eine Führungskraft erklärt, ihre Tür stehe immer offen.
Entscheidend ist, welche Erfahrungen Menschen tatsächlich machen.
Dürfen Probleme angesprochen werden, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen? Können Mitarbeitende Unsicherheiten äußern? Werden Fehler genutzt, um gemeinsam daraus zu lernen?
Die Forschung zur psychologischen Sicherheit zeigt, dass solche Bedingungen mit Lernen und Zusammenarbeit in Verbindung stehen.
2. Klarheit, Beteiligung und Zusammenarbeit
Führung bedeutet nicht nur, Freiräume zu eröffnen. Sie bedeutet auch, Orientierung zu geben.
Sind Verantwortlichkeiten geklärt? Wissen Mitarbeitende, welche Entscheidungen sie selbst treffen können? Und ist nachvollziehbar, wann Beteiligung möglich ist und wann eine Führungsentscheidung getroffen werden muss?
In der Zusammenarbeit entstehen Konflikte nicht immer aufgrund unterschiedlicher Persönlichkeiten. Häufig spielen auch unklare Rollen, widersprüchliche Erwartungen oder fehlende Entscheidungswege eine Rolle.
Deshalb lohnt sich die Frage, ob tatsächlich ein Problem zwischen Menschen besteht – oder ob die Organisation an bestimmten Stellen zu wenig Klarheit schafft.
3. Verantwortung, Entwicklung und Selbststeuerung
Wie viel Verantwortung übernehmen Sie selbst? Und wie viel Verantwortung ermöglichen Sie anderen?
Manche Führungskräfte wünschen sich mehr Eigenständigkeit im Team und greifen gleichzeitig sehr früh in Entscheidungen ein.
Andere delegieren Aufgaben, ohne ausreichend Orientierung oder die notwendigen Entscheidungsspielräume zu schaffen.
Beides kann dazu führen, dass Mitarbeitende Verantwortung nur eingeschränkt übernehmen können.
Für mich ist deshalb weniger entscheidend, wie viel Verantwortung abgegeben wird. Wichtiger ist, ob Erwartungen, Kompetenzen und Handlungsspielräume zusammenpassen.
Wie führen Sie eigentlich? Ein kleiner Check mit neuen Perspektiven
Vielleicht haben Sie beim Lesen bereits an bestimmte Situationen aus Ihrem Führungsalltag gedacht.
Mit dem folgenden interaktiven Reflexionscheck möchte ich Sie einladen, diese Gedanken zu vertiefen.
Nehmen Sie sich einige Minuten Zeit und beantworten Sie die Fragen möglichst mit Blick auf Ihren tatsächlichen Führungsalltag – nicht darauf, wie Sie idealerweise führen möchten.
Der Check ist kein wissenschaftlich validierter Führungstest und keine Bewertung Ihrer Führungsqualität. Er soll helfen, eigene Muster zu erkennen, neue Fragen zu entwickeln und die eigene Führung aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.
Welche Antworten überraschen Sie? Wo erkennen Sie Widersprüche? Und welche Fragen würden Sie gerne einmal mit Ihrem Team besprechen?